Wieder einmal war Wien Mittelpunkt des europäischen Interesses. Über 200 Jahre nach Abschluss des Wiener Kongresses lockte die Bundeshauptstadt hochrangige Experten aus aller Herren Länder in ihre imperialen Straßen und malerischen Gebäude. Man trifft sich noch immer gern in Wien, auch wenn der Kaiser nicht mehr da ist und die hohe Weltpolitik woanders stattfindet.

Heute tagen in Wien ganz andere Personen als damals unter Kanzler Metternich. Längst ist die Donaumetropole zur Kongresshauptstadt mutiert und lockt als solche Fachleute in rauen Mengen an. Besondere Strahlkraft hat dabei seit vielen Jahren ein Event, der sich – diese Doppeldeutigkeit sei gestattet – eben genau mit Strahlung befasst: Der ECR ist in Fachkreisen als die größte und wichtigste Radiologenveranstaltung zumindest Europas, wahrscheinlich sogar der Welt, bekannt. Seit vielen Jahren ist er ein jährlich wiederkehrender Fixstern am Himmel der Großkongresse Wiens.

Umfassendes Programm – ganzheitlicher Ansatz

Der Kongress geht über mehrere Tage und bietet seinen Besuchern ein sehr vielseitiges Programm. Von Mittwoch bis Sonntag werden die Besucher Anfang März rundum mit hochwertigen Angeboten bedacht. Dass hier keine Kleinigkeiten abgeliefert werden, zeigt schon allein ein Blick auf das Programmheft: Es ist 376 Seiten stark. Das zeigt auch den ganzheitlichen Ansatz der Veranstalter, möglichst alle verschiedenen Aspekte zu bedenken.

Dabei wurde für die Gäste an alles gedacht. Neben den wissenschaftlichen und technischen Programmteilen kommt auch das Soziale nicht zu kurz. Galaabende, gemeinsame Dinners und Empfänge fördern die Vernetzung auf höchstem Level. Tagsüber ist das an diesen Tagen bis in den letzten Winkeln belegte Austria Center Dreh- und Angelpunkt des radiologischen Geschehens. Während in den Hörsälen Vorträge und Diskussionen stattfinden, stellen rundherum Hersteller aus aller Welt ihre Innovationen vor.

Technologische Innovation trifft auf Sachzwänge

Die Produkte und Lösungen helfen Gesundheitsdienstleistern weltweit, den Herausforderungen sich verändernder Gesundheitssysteme zu begegnen. Die Herausforderung für die Hersteller liegt im Grunde darin, stets wichtige Weiterentwicklungen zu schaffen, dabei aber den weltweit in allen Bereichen steigenden Kostendruck zu bedenken. Wie jede andere wissensbasierte Forschungsrichtung hat auch die Radiologie mit immer größer werdenden Datenmengen zu kämpfen – hierfür wurden Lösungen vorgestellt, die damit auch Geld sparen.

Einer der Schwerpunkte des diesjährigen Kongresses war das Thema Hybridbildgebung. Darunter versteht man die Kombination sich ergänzender Bildgebungsverfahren in einem Untersuchungsvorgang, wobei erst vor Kurzem ein Durchbruch in der Einsetzbarkeit von Ultraschall gelang. Das ermöglicht genauere und schnellere Diagnosen. Der hohe Stellenwert dieser Disziplin ist auch aus der Neugründung der European Society for Hybrid Medical Imaging (ESHI) ersichtlich, die am ECR 2016 von der European Society of Radiology offiziell vorgestellt wurde.

Science Fiction wird Realität

Wer den Blick in Richtung der mannigfaltigen medizintechnologischen Innovationen richtet, die am ECR vorgestellt wurden, der kommt – speziell als medizinischer Laie – aus dem Staunen kaum heraus. Ohne, dass die breite Öffentlichkeit zuviel Notiz davon nehmen würde, werden hier Dinge vorgestellt, die vor Kurzem noch als Science Fiction gegolten hätten. Freilich, die Massenproduktion ist in manchen Bereichen rein finanziell noch unrealistisch, in einzelnen spezialisierten Kliniken sind aber bereits Leistungen möglich, die einen massiven Fortschritt darstellen.

Ein Beispiel? Eine am Kongress präsentierte Neuheit ist in der Lage, den Zeitaufwand für MRT-Gehirnuntersuchungen stark zu verkürzen. Das erhöht den Patientendurchsatz und senkt die Kosten pro Scan. Der größte Teil aller MRT-Untersuchungen entfällt nämlich auf neurologische Scans. Eine neue Applikation nutzt eine innovative Technik, mit der Schichtbilder gleichzeitig und nicht wie bisher sequentiell aufgenommen werden. Dies reduziert bei Routineuntersuchungen mittels Diffusionstensor-Bildgebung die Scanzeit um bis zu 68 Prozent, einem Verfahren, das die Diffusionsbewegung von Wassermolekülen in Körpergewebe misst und räumlich aufgelöst darstellt.

Eine weitere neue Applikation ermöglicht klinisch validierte Gehirnuntersuchungen auf Knopfdruck in nur fünf Minuten. Unterstützt durch Spulen mit hoher Kanaldichte und modernster MRT-Scansoftware werden die klinisch wichtigen Bildausrichtungen und Kontraste mit einem Knopfdruck aufgenommen.

Technik und Wissensstand schreiten Hand in Hand

Die hohe wissenschaftliche Qualität des Kongresses ist allein dadurch erkennbar, dass im Rahmen des ECR drei Symposien und über 70 Auffrischungskurse und drei multidisziplinäre Vortragsreihen stattfinden, in denen sich Mediziner vieler Fachrichtungen mit der disziplinübergreifenden Behandlung und Diagnostik von Erkrankungen auseinandersetzen. Wer einen der Vorträge verpasst hat, kann ihn online in hoher Auflösung nachverfolgen.

Im Fokus der akademischen Weiterbildung standen dabei nicht nur radiologische Innovationen, sondern gerade auch deren Anwendungsfelder – und zwar disziplinenübergreifend. So wurde etwa bei einem Panel diskutiert und erklärt, welche radiologischen Methoden zur Bestimmung und minimal invasiven Reduktion des Körperfettes heute existieren – mit Blick auf die immer stärker verbreitete Adipositas ein wichtiges Thema.

Ebenso konnte man erfahren, dass etwa Bildgebung bei orthopädischen Implantaten kein Ding der Unmöglichkeit mehr ist, und wie die Qualität der Brustuntersuchungen gesteigert werden kann. Auch in diesem Jahr hatte man als ECR-Besucher den Eindruck, einen kleinen Ausflug in die Zukunft gemacht zu haben. Mit anderen Worten, die Veranstaltung war ein voller Erfolg.