Christina Weidinger
Obfrau des Vereins für nachhaltiges Wirtschaften. Gründerin des Sustainable Entrepreneurship Awards.

Der Anteil der Weltbevölkerung, die in Städten lebt, wächst rasant: In rund zehn Jahren wird mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten leben. In Ländern wie Argentinien, Chile oder Uruguay beträgt die städtische Bevölkerung bereits zwischen 85 und 91 Prozent. Auch in Europa ist ein klarer Trend zur „Verstädterung“ festzustellen.

Reibungslos wird der Übergang von der „alten“ auf die „neue“ Stadt nicht vor sich gehen. Wenn in den künftigen Agglomerationen mehr als 20 Millionen Menschen leben werden, arbeiten und ihre Freizeit verbringen, macht das entscheidende Veränderungen dringend notwendig. Umwelt, Verkehr, Wohnpolitik, soziales Umfeld, Design des öffentlichen urbanen Raums, Infrastruktur – das sind zentrale Fragen, die es zu lösen gilt. Wenn aus der früher räumlich begrenzten Stadt künftig eine offene Region werden wird, können die Herausforderungen nur durch ein Mit- und nicht ein Gegeneinander gelöst werden. Ein Wegbereiter dieser Entwicklung ist der Sustainable Entrepreneurship Award (kurz: sea), der am 19 April 2012 erstmals in der Hofburg verliehen wird. Dabei werden Unternehmen ausgezeichnet, die schon heute wichtige Impulse für Sustainable Entrepreneurship setzen. Auch Projekte zur nachhaltigen Stadtentwicklung fanden sich unter den Einreichungen.

Die moderne Stadt der Zukunft wird – und dieser Aspekt kommt manchmal in der öffentlichen Diskussion zu kurz – nicht nur ein Ort zum Leben, sondern auch ein Ort der Wirtschaft, des Handels, der Industrie und in vermehrtem Ausmaß der Dienstleistung und der Wissensgesellschaft sein. Daher gewinnen neben klassisch ökonomischen Standortfaktoren auch Parameter wie Wissen, Innovationsfähigkeit, kulturelle Attraktivität und die Größe des städtisch kreativen Potenzials zusehends an Bedeutung.

Die Stadt der Zukunft wird ein lebendiger Organismus sein, der sich zum Teil selbst erhält und sich selbst immer wieder neu erfindet. Nachhaltigkeit im Sinne einer langfristigen und zukunftsorientierten Planung, Bewirtschaftung und Besiedelung ist dazu eine conditio sine qua non. Immerhin verbrauchen Großstädte, die lediglich zwei Prozent der Erde bedecken, drei Viertel der Gesamtenergie und verursachen 80 Prozent der Treibhausgase. Die Frage, welchen Beitrag sie zur Schonung der Ressourcen leisten können und müssen, liegt daher nahe.

 

„Die Stadt der Zukunft ist ein lebendiger Organismus, der sich selbst erhält und sich selbst auch immer wieder neu erfindet.“

 

Im Rahmen des „European Strategic Energy Technology Plan“ (SET) will die EU bis 2020 die Emissionen ihrer Städte um 20 Prozent senken. Städte werden künftig zumindest einen Teil der Energie, die sie benötigen, selbst erzeugen. Intelligentes Energiemanagement und neue Technologien in bezug auf Solar- und Windenergie werden hierzu entscheidend sein. Die nachhaltige Stadt „denkt mit“: Intelligente Techniken vernetzen Daten und Menschen und verbinden Gebäude und Infrastrukturen miteinander. 

Die nachhaltige Stadt lebt vom erfolgreichen Zusammenspiel von Politik, Forschung & Entwicklung sowie der Innovationskraft der Unternehmen. Die Schaffung entsprechender Forschungseinrichtungen, Laborstätten sowie das Bekenntnis zu einer klaren Innovationspolitik, die auch entsprechendes öffentlichen und privates Gründungs- und Entwicklungskapital sicherstellt, ist dafür erforderlich. In diesem Gesamtkontext wird die nachhaltige Stadt zu einem Perpetuum mobile, einem immer währenden Kreislauf, der zwar in gewisser Weise auf eine Region fokussiert ist – dessen Errungenschaften aber weit darüber hinaus reichen.