Haig Peter
IBM Executive Briefing Consultant

Herr Peter, mit „Watson“ konnte erstmals ein Computer mit künstlicher Intelligenz bei der Rate-Show „Jeopardy“ gewinnen. Warum ist es für Computer so schwer, sich bei solchen Quizshows gegen Menschen durchzusetzen?
Bisher konnten Computer vor allem damit punkten, dass sie innerhalb von Sekunden Millionen von Rechenschritten vollziehen können. Was ihnen jedoch fehlte, war die Fähigkeit, in natürlicher Sprache zu kommunizieren oder diese richtig einzuordnen. Bei Jeopardy werden die Teilnehmer jedoch mit Hinweisen in Form von Antworten konfrontiert, zu der sie die passende Frage finden müssen. Den Wissenschaftlern von IBM ist es gelungen, eine Maschine zu entwickeln, die lernen und sinnvoll mit natürlicher Sprache umgehen kann.

Mit Watson ist der Schritt in eine neue Computer-Ära gelungen – eine Ära der kognitiven Rechner. Was genau macht kognitive Systeme wie Watson so besonders?
Watson verbindet verschiedene Technologien: Zunächst versteht er natürliche Sprache, er kann logisch schlussfolgern und ist zudem lernfähig. Ähnlich wie wir Menschen lernen solche Computer aus ihren Erfahrungen mit Menschen oder Daten und können auf das so gewonnene Wissen für weitere Entscheidungen zurückgreifen.

Um Erfahrungen sammeln zu können, muss man die eigene Umwelt wahrnehmen – wie funktioniert das bei Computern?
Kognitive Systeme müssen in der Lage sein, mit vielen verschiedenen Datenquellen umzugehen: Sensorendaten, multimediale Inhalte und Text. Ausgestattet mit entsprechenden interpretativen Fähigkeiten lernen sie von den gesammelten Daten. Bei Jeopardy machte Watson zunächst auch einige – teils amüsante – Fehlentscheidungen. Jedoch war er in der Lage, aus seinen Fehlern - und jenen seiner beiden Konkurrenten - zu lernen.

Gibt es Bereiche oder Erfahrungen, die Computer auch zukünftig nicht verstehen werden?
Es ist nicht unser Ziel, das menschliche Gehirn nachzubauen – menschliche Intelligenz soll nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Viel mehr geht es darum, wie Mensch und Maschine möglichst konstruktiv kooperieren können. Maschinen werden eher rationale und analytische Aufgaben übernehmen. Erfahrung, Urteilsvermögen, Empathie, Moral oder Kreativität bleiben den Menschen vorbehalten.

Welche Branchen und Industrien bieten sich besonders für den Einsatz solche Systeme an?
Computer mit künstlicher Intelligenz sind in all jenen Branchen sehr variabel einsetzbar, in denen enorm große Datenmengen anfallen. Als Beispiel kann das Gesundheitswesen genannt werden, wo Watson bereits arbeitet: Dafür musste er vorab 600.000 Studien und 2 Mio Seiten Fachliteratur lesen, sowie 25.000 Trainingsfälle durchspielen. Heute hat er bereits knapp 15.000 Stunden „hospitiert“ und hilft Ärzten dabei, genauere Diagnosen zu stellen und bessere Behandlungsmethoden zu erarbeiten. Ein ganz anderer Anwendungsfall ist der Kundenservice in Call-Centern: Anfragen werden mit Computerunterstützung zielgerichteter und um 50 Prozent schneller beantwortet.

Wie kann man sich eigentlich einen solchen Rechner vorstellen? Tonnenschwerer Riesencomputer oder unsichtbare Cloud-Lösung?
Als wir Watson 2011 bei Jeopardy antreten ließen, musste das gesamte TV-Studio in unser Forschungslabor bei New York verlegt werden – so groß war der Rechner. Seitdem hat sich viel getan, das System ist mittlerweile so groß wie drei Pizzakartons und 24 Mal schneller als 2011. Watson ist heute als Cloud-Lösung verfügbar, was ganz neue Möglichkeiten bietet, z.B. in Form von Cognitive Apps. Im November haben wir Watson für die App-Entwickler-Community geöffnet und einige wollen noch 2014 mit Apps auf den Markt, die auf Watson basieren.   

Wie werden intelligente Computer unsere Zukunft verändern?
Jetzt, am Beginn der Ära kognitiver Systeme, können wir schon sagen, dass große Veränderungen auf uns zukommen. Das ganze Ausmaß für den Markt und die Gesellschaft abzusehen, ist jedoch unmöglich. Aber eines ist klar: das Zusammenspiel aus Mensch und kognitiven Systemen hat ein einzigartiges Potenzial, Fortschritt und nachhaltigen Wohlstand weltweit massiv voranzutreiben.

 

PROFIL

Haig A. Peter, 43, ist Executive Briefing Consultant im IBM Forschungslabor in Rüschlikon in der Nähe von Zürich/Schweiz. Der studierte Techniker und Science-Fiction-Fan träumte schon als Kind davon, irgendwann mit Maschinen auf natürliche Art und Weise kommunizieren zu können. Als Experte für das kognitive Computersystem Watson wird sein Traum nun Realität. Haig Peter ist für IBM bereits seit dem Jahr 2000 in unterschiedlichen Funktionen tätig.