Die Bedeutung von Pflanzen für die Stadt und ihre Bewohner zeigt sich besonders in den Sommermonaten, wenn die innerstädtischen Grünflächen und Parks als willkommene Naherholungsräume für die hitzegeplagten Städter dienen. Für Stadtplaner ist es heute selbstverständlich, entsprechend großzügige Freiräume in Entwicklungsprojekten vorzusehen. Aber reicht das, um Stadtentwicklung nachhaltig zu machen, oder können Pflanzen noch mehr, als eine natürliche Umwelt innerhalb der Stadtgrenzen zu schaffen?

Natürlich – Pflanzen sind klassische Universalgenies: sie dienen als Lebens- und Futtermittel, werden als nachhaltiger Baustoff eingesetzt und liefern uns regenerative Energie als Brenn- oder Treibstoffe. Die Auswahl für die grüne Stadt der Zukunft ist also groß. Eine Form der Zusatznutzung steht bereits in den Startlöchern.

Urban Farming – Landwirtschaft in der Stadt

Die Eigenversorgung mit Lebensmitteln war bis vor kurzem Menschen mit eigenem Garten in ländliche Regionen und städtische Randgebieten vorbehalten. Innerstädtisch war man bis auf ein paar vereinzelte Gemüse und Kräuterpflanzen am Balkon auf Geschäfte oder Märkte angewiesen. Das könnte sich bald ändern, wenn sich der Trend zu städtischer Landwirtschaft oder Urban Farming fortsetzt.

Wie so oft findet man auch hier Vorreiter in Übersee. In der „grünen Metropole“ New York, wo erst im letzten Jahr die „High Line“, der Park auf einer aufgelassenen Eisenbahntrasse im Herzen Manhattens, fertiggestellt wurde, sorgt schon wieder ein grünes Prestigeprojekt für Aufsehen. „Brooklyn Grange“, die nach eigenen Angaben größte Dachfarm der Welt, erzeugt jährlich 23 Tonnen Biogemüse auf zwei Dächern inmitten von New York. Das erzeugte Gemüse wird direkt an KonsumentInnen und Geschäfte in der Umgebung verkauft. Zwar eine Dimension kleiner, aber ähnlich erfolgreich gibt es auch in Österreich eine Reihe von Initiativen, um die Hobbylandwirtschaft in der Stadt zu fördern. Als Verein organisierte Nachbarschaftsgärten werden beispielsweise durch die Stadt Wien (MA42) unterstützt.

Gebäude als landwirtschaftliche Flächen

Auch bei der Suche nach Raum für die innerstädtischen Felder ist man fündig geworden: Dachflächen bieten sich an, da sie einerseits in unmittelbarer Nähe zu den Bewohnern liegen und zum anderen die Bepflanzung des Dachs eine Reihe von positiven Nebeneffekten aufweist, wie die Kühlwirkung und die Rückhaltung von Regenwasser und damit verbundene Entlastung der Kanalisation. Auch die Begrünung von Dächern wird vielerorts aktiv gefördert, in Frankreich ist man sogar so weit gegangen, dass die Dächer aller neuen Gebäude in Gewerbegebieten entweder mit Photovoltaik (PV) Modulen oder als Gründächer ausgeführt werden müssen.

„Pflanzen sind wahre Universalgenies“

Noch visionärer ist die Nutzung von Fassaden für die Kultivierung von Pflanzen. So einfach wie bei PV-Modulen ist das freilich nicht. Um Pflanzen an Wänden wachsen zu lassen, benötigen sie Unterstützung. Konzepte und Ideen reichen von konventionellen Pflanztrögen in Kombination mit Kletterhilfen bis hin zu plattenförmigen Bioreaktoren, in denen Algen kultiviert werden. Letzteres ist sicher noch Zukunftsmusik, aber einen Reiz hätten die lebenden Fassaden definitiv: die Städte würden endlich auch optisch „grün“ werden.

Sollte der Platz auf und an den Gebäuden trotzdem nicht ausreichen, sind „Urban Farms“ als Teil von innerstädtischen Grünflächen eine geeignete Alternative. Die Nähe zur eigenen Wohnung und gute Infrastruktur sehen angehende Stadtbauern gemäß einer Umfrage, die im Rahmen einer Masterarbeit am Campus Wieselburg der FH Wiener Neustadt durchgeführt wurde, als die wichtigsten Voraussetzungen an. Offensichtlich hat der schnelle Besuch im eigenen Gemüsegarten einen ganz besonderen Wert.

Positive Nebeneffekte der Stadtlandwirtschaft

Mindestens genauso wertvoll wie der unmittelbare Nutzen durch die Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist eine Reihe von positiven Nebeneffekten, die das gemeinschaftliche Gärtnern auf das Wohlbefinden der Hobbylandwirte hat: Ausgleich zum Büroalltag, Bewegung im Freien, Austausch mit Gleichgesinnten und das schöne Erlebnis, die Früchte eigener Arbeit im wahrsten Sinn des Wortes ernten zu können.

Auch wenn manche von ihnen die Entwicklung etwas skeptisch betrachten, sollten sich die österreichischen Bauern vor der innerstädtischen Konkurrenz nicht fürchten. Im Gegenteil, das gesteigerte Bewusstsein in der Bevölkerung für den Wert regionaler Produkte könnte sich durchaus positiv für heimische Lebensmittelproduzenten auswirken.

Nicht außer Acht lassen sollte man bei einer weiteren Verbreitung von Urban Farming den Anfall von organischen Reststoffen. Diese können zwar, wie heute für biologische Abfälle üblich, zur Kompostierung oder energetischen Verwertung sinnvoll eingesetzt werden, die Mengen sind jedoch nicht mit klassischen Haushaltsbioabfällen vergleichbar. Die Verwertung der Reststoffe sollte also für größere Anlagen schon bei der Planung mitgedacht werden.