Elfenbeinturm war gestern. Heute ist Elfenbeinturm plus die Zeit danach. In einigen Studien wohl auch fast nur mehr die Zeit danach. Der europaweit schallende Schrei nach mehr Employability, d.h. Sicherung individueller Beschäftigungsfähigkeit durch entsprechende Gestaltung der Studien, ist nur die Spitze der einschlägigen Zumutungen an die europäischen Bildungssysteme. Bologna hat das Seine dazu beigetragen, genauso wie der Mangel an öffentlichem Geld für die Bildung oder die Vermarktlichung fast aller Lebensbereiche. Das mag man, wie ich, bedauern oder begrüßen. Aber es führt wohl kein Weg um eine Auseinandersetzung mit der Verbindung von Studium und Beruf herum.

Stube oder freie Wildbahn?

Noten und Studiendauer spielen beim Einstieg in den Beruf eine untergeordnete Rolle. Der Erfolgsfaktor heißt: Praxiserfahrung. Das zeigen etwa Analysen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge (z.B. www.vicapp.at). Viele Studierende wissen das und bemühen sich bereits während des Studiums um Praktika in den Ferien, Auslandsaufenthalte mit Praxiskontakten, Mitarbeit in Projekten, Volunteering, etc.

o. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mayrhofer
Leiter der Interdisziplinären Abteilung für Verhaltenswissenschaftlich orientiertes Management, WU Wien

Auch aus der Not geborene Tätigkeiten sind hilfreich. Personalabteilungen schauen wohlwollend auf Kellnern oder Aushilfsjobs. Wer hier besteht, hat – so die Argumentation – extrafunktionale Qualifikationen wie Durchsetzungsfähigkeit erworben.

Wohin des Weges?

Studierende verschlägt es, vereinfacht gesagt, in vier typische Karrierefelder, entweder durch die sträflich unterschätzten Umstände oder auf Basis
eigener Entscheidungen.

Der Klassiker: Organisationswelt. Man bewegt sich langfristig in meist mittleren und größeren Organisationen. Dabei ist es egal, ob es sich um Unternehmen oder um Organisationen aus dem öffentlichen oder Nonprofit– Bereich handelt.

Für Spezialisten: Frei flottierende Professionals. Menschen in diesem Karrierefeld arbeiten oft in relativ rascher Abfolge, z.T. auch parallel, in verschiedenen Organisationen. Wichtig ist ihnen die Nutzung ihrer speziellen Kompetenzen. Sie verfügen über einschlägige und gefragte Qualifikationen, etwa im Bereich IT oder Grafik und Design.

Stand-alone: Selbständige. Eigene Firma mit (selten) vielen und (meist) wenigen Mitarbeitenden, oft auch als Einzelunternehmer – sie gehören traditionell zum Bild.

Zwischen Lust und Frust: chronisch Flexible. SnowboardlehrerIn im Winter, im Sommer Mitarbeit im Designbüro, dazwischen kleine Übersetzungsjobs – manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen. Diese Menschen verfügen über ein breites Kompetenzspektrum und nutzen dieses parallel für Tätigkeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen.

Was für die Einzelnen passt und langfristig aufgeht, hängt von deren Präferenzen und der Situation am Arbeitsmarkt ab. Patentrezept gibt es keines. In Zeiten der Krise beobachten wir, dass der Klassiker, die Organisationswelt, auf Kosten der Professionals und chronisch Flexiblen– die Hits während der Boomjahre nach der Jahrtausendwende – wieder an Attraktivität zu gewinnen scheint. Ein sicherer Hafen oder doch eher Illusion?

Elfenbeinturm als Berufung?

Geht den Universitäten das exzellente Nachwuchspersonal aus? Fast scheint es so. Unterdotierung, z.T. katastrophale Zustände in Sachen Ausstattung, ein schlechtes Image oder auch die Sucht nach dem schnellen großen Geld verringern die Attraktivität von Universitäten für die Besten. Das bedroht langfristig den Standort Österreich und Europa. Wer hier auf politischer Ebene nicht gegensteuert und in Rahmenbedingungen für Bildung investiert, handelt fahrlässig. Erst wenn eine akademische Karriere wieder hoch attraktiv für die intellektuelle Spitze eines Jahrgangs wird, gibt es Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle.