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  • Konrad Paul Liessmann
  • Michael Hanke
  • Hubert Dürrstein
Karlheinz Töchterle

Bundesminister für Wissenschaft und Forschung

In Zeiten der vielzitierten Wissensgesellschaft kann eine sich verstärkende Kommerzialisierung von Wissen und Bildung beobachtet werden. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Bildungssystems vor diesem Hintergrund?

Die in der Frage konstatierte „Kommerzialisierung von Wissen und Bildung“ fasst verschiedene Phänomene mit verschiedenen Ursachen und Folgen in einen wohl zu pauschalen Verbund zusammen. So werden z. B. in Österreich nach wie vor große Teile der schulischen Ausbildung als öffentliche Aufgabe angesehen und entsprechend finanziert. Diese verlässliche staatliche Basis gerät immer dann in Gefahr, wenn das öffentliche Bildungssystem den Ansprüchen nicht mehr genügt und private Anbieter die entstehenden Lücken (für Wohlhabende) füllen. Deshalb ist es wichtig, Qualität und hohes Niveau des öffentlichen Bildungssektors flächendeckend zu erhalten.

Aufgrund der Dynamiken am Arbeitsmarkt kann seit geraumer Zeit ein Trend in Richtung praxisnaher AUSbildung identifiziert werden. Welche Potentiale, aber auch Risiken, ergeben sich durch diese Spezialisierungen?

Auch universitäre Ausbildung ist immer in weiten Teilen praxisnah gewesen. So haben z. B. die drei ‚höheren‘ Fakultäten der vor-
humboldtschen Universität vor allem Priester, Juristen und Ärzte ausgebildet. Die Vorstellung von einer ganz und nur der Wissenschaft verpflichteten universitären Bildung ist erst aus den Idealen Humboldts abgeleitet worden und hat auch in den modernen Universitäten immer nur kleine Teile sowohl von Fächern als auch von Studierenden erfasst. Die in der Frage erwähnte Spezialisierung hat mit diesem Befund wenig zu tun. Deren Gefahr liegt, wie immer, in allzu großer Einseitigkeit und dem Ausblenden von Kontexten.

Im Zuge der Globalisierung ist der Erwerb von interkulturellen Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnissen essentiell geworden. Welchen zukünftigen Stellenwert wird Mobilität vor allem im Bildungswesen haben?

Mobilität ist kein Wert an sich und fundierte Bildung, aber auch renommierte Wissenschaft, kann auch ohne sie gelingen, auch in Zeiten weltumspannender Informationsnetze. Andererseits ist die Begegnung mit und das Eintauchen in andere(n) Kulturen, wozu die Kenntnis fremder Sprachen einen essentiellen Beitrag leistet, in Zeiten verstärkten Austauschs und intensivierter internationaler Kooperation unabdingbar. Dazu trägt Mobilität wesentlich bei; neben dieser meist lokal gemeinten Mobilität ist aber auch eine solche auf geistigen und sozialen Feldern wichtig.

 

Konrad Paul Liessmann

Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik, Universität Wien

In Zeiten der vielzitierten Wissensgesellschaft kann eine sich verstärkende Kommerzialisierung von Wissen und Bildung beobachtet werden. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Bildungssystems vor diesem Hintergrund?

Offenbar gibt es Kräfte, die eine Aufspaltung des Bildungswesens anstreben. Den öffentlichen und staat-lichen Bildungseinrichtungen stehen immer mehr private Anbieter gegenüber, die den Vorteil haben, den ideologischen und ökonomischen Beschränkungen öffentlicher Einrichtungen nicht entsprechen zu müssen. Auch im Bereich der tertiären Bildung ist Ähnliches zu beobachten: Einer breiten, aber zunehmend unterfinanzierten Ausbildung stehen hochdotierte Exzellenzinitiativen gegenüber. Gleichzeitig nimmt der Einfluss der Wirtschaft über Drittmittel und Forschungsfinanzierung auf die Wissenschaft zu. Ich halte dies für bedenklich, da für die gedeihliche Entwicklung einer zukünftigen Wissensgesellschaft weniger die fragwürdigen Eliten ausschlaggebend sein werden, sondern der Bildungsstand der Bevölkerung.

Aufgrund der Dynamiken am Arbeitsmarkt kann seit geraumer Zeit ein Trend in Richtung praxisnaher AUSbildung identifiziert werden. Welche Potentiale, aber auch Risiken, ergeben sich durch diese Spezialisierungen?

Praxisnähe ist mittlerweile ein Fetisch geworden. Grundlegende und allgemeine Ausbildungen, die Idee von Bildung überhaupt, lebt von Praxisferne. Einarbeiten kann man sich immer, aber die entscheidenden Innovationen und kreativen Ideen bedürfen einer Distanz zur Praxis. Orientiert man sich nur an der Praxis, führt dies zu Kurz-sichtigkeit, Atemlosigkeit und dem Gefühl, es der Wirklichkeit ohnehin nie Recht machen zu können. Unser Bildungssystem braucht viel mehr Gelassenheit, Muße, Distanz und Neugier auf das, was gerade nicht tagesaktuell ist.

Im Zuge der Globalisierung ist der Erwerb von interkulturellen Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnissen essentiell geworden. Welchen zukünftigen Stellenwert wird Mobilität vor allem im Bildungswesen haben?

Die Globalisierung z.B. führte und führt auch zur Standardisierung, das heißt, dass weniger vielfältige Fremdsprachenkenntnisse – so wünschenswert dies wäre -, als vielmehr gute Englischkenntnisse auf den Märkten gefragt sind. Mobilität wiederum war und ist ein wesentliches Moment von Bildung, die Angleichung und Vereinheitlichung der Ausbildungsgänge etwa in Europa – Stichwort: Bologna - bringt uns tendenziell aber um eine der schönsten Erfahrungen der Mobilität: etwas ganz Anderes kennenzulernen. Andere Menschen, andere Kulturen, andere Zugänge, andere Bildungskonzepte, andere Sprachen, andere Denkweisen. Zudem ist Mobilität schon aus ökologischen Gründen nicht beliebig zu steigern,  viele Menschen werden ihre Ausbildung nach wie vor an einem Ort bekommen müssen. Deshalb muss neben der wichtigen physischen Mobilität auch für die geistige Mobilität, für ein offenes Denken, gesorgt werden.

 

Michael Hanke

Inhaber des Lehrstuhls für Finance, Universität Liechtenstein

In Zeiten der vielzitierten Wissensgesellschaft kann eine sich verstärkende Kommerzialisierung von Wissen und Bildung beobachtet werden. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Bildungssystems vor diesem Hintergrund?

In Zeiten verstärkter Budgetprobleme ziehen sich viele Staaten zumindest teilweise aus ihrer Verantwortung im Bildungsbereich zurück. Während Faktenwissen immer leichter, schneller, und vielfach kostenlos verfügbar ist (Internet), gewinnen Fähigkeiten im Umgang mit Fakten und Daten, wie z.B. Informationssuche und –verarbeitung, Aufbereitung von Ergebnissen und deren Kommunikation, dramatisch an Bedeutung. Die Zukunft des Bildungssystems liegt vorwiegend in der Persönlichkeitsentwicklung und der Vermittlung solcher Methodenkompetenzen, um für die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten.

Aufgrund der Dynamiken am Arbeitsmarkt kann seit geraumer Zeit ein Trend in Richtung praxisnaher AUSbildung identifiziert werden. Welche Potentiale, aber auch Risiken, ergeben sich durch diese Spezialisierungen?

Eine hohe Spezialisierung verschafft manchmal Vorteile beim Berufseintritt, geht aber häufig auf Kosten eines breiten Verständnisses für ein Fach. Von Universitätsabsolventen wird zu Recht erwartet, dass sie mehr mitbringen als kochrezeptartiges „Umsetzungswissen“: Kompetenzen wie vernetztes Denken, fächerübergreifende Sichtweisen (über den Tellerrand hinaus), sowie kritische Reflexion des eigenen Handelns, auch unter ethischen und sozialen Aspekten, bringen entscheidende Vorteile, sobald Absolventen in höhere Positionen aufsteigen, die mehr erfordern als reines Fachwissen.

Im Zuge der Globalisierung ist der Erwerb von interkulturellen Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnissen essentiell geworden. Welchen zukünftigen Stellenwert wird Mobilität vor allem im Bildungswesen haben?

Fremdsprachenkenntnisse sowie interkulturelle Erfahrungen werden in vielen Branchen nicht mehr als ‚Asset‘ von Bewerbern gesehen, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt. Sowohl für die Entwicklung von Sprach-,  als auch für jene interkultureller Kompetenzen, ist Auslandserfahrung von großem Wert. Gute Universitäten bieten vielfältige Möglichkeiten zur Entwicklung dieser Kompetenzen, sowohl durch ein umfassendes Netzwerk von Partnerunis, als auch durch unterstützende Angebote im Rahmen des Curriculums.

Hubert Dürrstein

Geschäftsführer der OeAD-GmbH

In Zeiten der vielzitierten Wissensgesellschaft kann eine sich verstärkende Kommerzialisierung von Wissen und Bildung beobachtet werden. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Bildungssystems vor diesem Hintergrund?

Ein modernes Bildungssystem umfasst nach heutigem Verständnis die gesamte Bildungskette mit allen Komponenten des lebenslangen Lernens von der schulischen Bildung über die Berufsbildung bis hin zu Weiterbildungsmaßnahmen. Da die Erwartungen an die Bildungsangebote laufend steigen, wird das Ganze nur leist- und machbar in einem vernünftigen Angebots-Mix, in dem einerseits Bildung als öffentliches Gut seinen Platz haben muss, und andererseits Bildung als Produkt vermarktet werden sollte. Letzteres gilt schon heute insbesondere auf dem internationalen Bildungsmarkt, auf dem komplette Ausbildungspakete mit guten Erfolgschancen und entsprechenden Standards erwartet werden. Der Wettbewerb hat hier seinen Preis.

Aufgrund der Dynamiken am Arbeitsmarkt kann seit geraumer Zeit ein Trend in Richtung praxisnaher AUSbildung identifiziert werden. Welche Potentiale, aber auch Risiken, ergeben sich durch diese Spezialisierungen?

Worked-based learning ist heute ein etablierter Ansatz in der internationalen Bildungslandschaft. In Österreich gibt es einige erfolgreiche Ansätze, wie das duale Ausbildungsmodell, die HTL‘s oder Studienangebote von Fachhochschulen mit guten beruflichen Perspektiven für die AbsolventInnen. Diese positiven Entwicklungen dürfen aber nicht dazu verleiten, die schulische Grundausbildung zu vernachlässigen oder bei der forschungsbasierten Bildung zu sparen; beides sind Kernaufgaben für die gesellschaftliche Entwicklung: ausreichendes Elementarwissen ist die Basis für die berufliche Entwicklung, Wissenschaft und Forschung für Innovation und Technologieentwicklung.

Im Zuge der Globalisierung ist der Erwerb von interkulturellen Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnissen essentiell geworden. Welchen zukünftigen Stellenwert wird Mobilität vor allem im Bildungswesen haben?

Bis 2020 sollen 50 Prozent der österreichischen HochschulabsolventInnen mobil gewesen sein. ERASMUS - heute Synonym für die Mobilität von Studierenden in Europa - hat dafür den Weg geebnet. Diesen Prozess gilt es fortzusetzen und über den tertiären Bereich hinaus systematisch auszubauen. Dafür gibt es ab 2014 die neue Programmgeneration ‚Erasmus für alle‘, mit der die Mobilität auf allen Bildungsebenen forciert werden soll. Auch weltweit  werden vermehrt Programme für den gegenseitigen Austausch initiiert und damit temporäre Studienaufenthalte in anderen Kulturkreisen ermöglicht. Diese Entwicklung unterstützt u.a. die OeAD-GmbH als österreichische Internationalisierungsagentur im Bildungsbereich.