Von 2011/12 bis 2015/16 sank der Selbstversorgungsgrad Österreichs bei Getreide, Obst, Gemüse, Erdäpfeln, Ölsaaten und Wein. Sprich: Wir müssen mehr importieren. Das liegt neben dem Klimawandel und den damit verbundenen Wetterextremen in erster Linie an fehlenden Betriebsmitteln und hier im Bereich der Pflanzenmedizin vor allem an der aktuell eingeschlagenen Kahlschlagstrategie der Europäischen Union bei Wirkstoffen.

Die hat dazu geführt, dass die Zahl der Wirkstoffe von knapp 1.000 Substanzen 1997 auf aktuell ca. 400 gesunken ist. Innovative und effiziente Wirkstoffe mit gutem Umweltprofil fallen diesem durch NGO-Kampagnen befeuerten Vorgehen zum Opfer.

EU fehlt Nachhaltigkeitsstrategie

Damit kommt es zu der absurden Situation, dass Landwirte zwar moderne Technik einsetzen, aber nicht die modernste Pflanzenmedizin. Das hat dramatische Auswirkungen für die Landwirtschaft. Für das Verbot von Neonikotinoiden hat eine Studie des Joint Research Centers der EU-Kommission ermittelt: bis zu 4,4 zusätzliche Applikationen mit alternativen, oftmals weniger effizienten Wirkstoffen, bis zu 100 Prozent zusätzlicher Zeitaufwand und um 85 Prozent höhere Kosten durch höheren Einsatz von Wasser, Treibstoff, Arbeitszeit und alternativen Wirkstoffen.

Gleichzeitig steigt der Aufwand durch verstärktes Monitoring, höhere Saatdichte, späteres Saatdatum und Fruchtfolge. Und trotzdem beklagt der Großteil der Bauern eine höhere Schädlingsdichte.

Wirkstoffverluste beschleunigen den landwirtschaftlichen Strukturwandel.

Allen Beteiligten vom Landwirt über Behörden und Politik sollte klar sein, dass diese Strategie nicht nachhaltig ist. Wenn wir die Landwirtschaft tatsächlich ganzheitlich weiterentwickeln wollen, sollte dies in allen Bereichen passieren. Aber insbesondere im Bereich des Pflanzenschutzes wird die Innovationskraft der Hersteller gebremst und die Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe erschwert.

Aktuell dauert die Entwicklung eines Wirkstoffes bis zur Zulassung ca. 13 Jahre und kostet ca. 280 Millionen Euro. Denn aus unserer Sicht ist es im Sinne des integrierten Pflanzenschutzes klar, dass ein besserer und effizienterer Wirkstoff einen älteren Wirkstoff ablöst.

Kultur der Schädlinge?

Am Ende des Tages hat der Landwirt das eigene wirtschaftliche Überleben als Ziel und wird jene Kultur wählen, von der er das am ehesten erwarten kann. Es wird sich zeigen, ob das eher bei Schwerpunktkulturen wie Mais und Getreide sein wird oder bei Spezialkulturen wie Wein und diversen Gemüsearten. Aber eines ist auch klar: Es wird keine Kultur sein, die er – überspitzt formuliert – den Schädlingen zum Fraß vorwirft.

Bereits jetzt gehen jährlich ca. 40 Prozent der Ernte aufgrund von Krankheiten und Schädlingen verloren. Das könnte sich beim Verlust weiterer Pflanzenschutzmittel fast verdoppeln. Die aktuelle Kahlschlagstrategie der EU bei Wirkstoffen würde also zu einer Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der europäischen Landwirtschaft führen.

Fallen weitere Wirkstoffe weg, geraten sie weiter unter Druck und der landwirtschaftliche Strukturwandel wird zusätzlich beschleunigt. Daher sollte die Europäische Union eine klare Nachhaltigkeitsstrategie in der Landwirtschaft verfolgen, bei der Landwirte neben modernster Technologie auch innovative Pflanzenmedizin einsetzen können – im Sinne einer ausreichenden Versorgung mit gesunden und sicheren Lebensmitteln in Europa und weltweit.

Kahlschlag schadet der Umwelt

Denn sinkender Ertrag innerhalb der Europäischen Union bedeutet, dass wir in anderen Regionen außerhalb Europas Habitate und Naturräume in Ackerland umzuwandeln haben. Das bedeutet neben dramatischen globalen Umweltauswirkungen durch Freisetzung von CO2 aus dem Boden insbesondere auch, dass diese Flächen nicht der ansässigen Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Das zeigt: Aktuell wird die Diskussion über die Landwirtschaft als Luxusdiskussion geführt und die geäußerten Forderungen berücksichtigen nicht die aktuelle Faktenlage. Die Weltbevölkerung steigt auf neun Milliarden Menschen im Jahr 2050. Die Ackerflächen hingegen können nicht beliebig weiter steigen. Daher sollte den Landwirten ein ausreichend gefüllter Werkzeugkasten an Betriebsmitteln zur Verfügung gestellt werden, um unsere Ernte und unser Essen vor Krankheiten, Schädlingen und Unkraut zu schützen.